Fachvortrag Ulrike Werthmanns-Reppekus, Geschäftsführerin Paritätisches Jugendwerk NRW

Ulrike Werthmanns-Reppekus - Bild Jörg Lange

Ulrike Werthmanns-Reppekus

"Liebe Preisträgerinnen und Preisträger! Sehr geehrter Herr Wellhausen ! Sehr geehrte Frau Staatssekretärin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich bin nicht – wie im Programm angekündigt – Fr. Dr. Lale Akgün, sondern ich begrüße Sie hier als Geschäftsführerin des Paritätischen Jugendwerks NRW. Ulrike Werthmanns-Reppekus ist mein Name. Frau Dr. Akgün war Jurymitglied und früher Leiterin des Landeszentrums für Zuwanderung in Solingen. Die Diskussionen um das Landeszentrum machen es Frau Akgün heute unmöglich zu kommen. Deshalb möchte ich Ihnen einige Herausforderungen der interkulturellen Weiterentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe benennen."

"Das PJW hat – bei aller Eigenständigkeit – seine Verankerung im 'Mutterverband' in der Fachgruppe Kinder, Familie, Jugend, Frauen und Migration, die ich zusammen mit Martin Künstler leite.
Dass wir die Jugend und die Migration; aber auch die Frauen zusammen in einer Fachgruppe haben, schafft gute Synergieeffekte. Viele Mitgliedsorganisationen des PJW machen auch Migrationsarbeit, schlicht weil die Besucher/innen einen Migrationshintergrund haben. Für die Mädchenarbeit trifft das auch zu, unsere zweite Preisträgerin ‚Pro Mädchen – Mädchenhaus Düsseldorf’ ist ein gelungener Beweis: Mädchenarbeit und Migrationsarbeit sind bestens verwebt. Interkulturelle Weiterentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe muss mehr sein, als die Türen für alle Kinder und Jugendliche aufzumachen. Wir müssen die Türen bewusst aufhalten.
Denn:
Wir werden immer weniger, immer älter und immer bunter! So wird kurz die demographische Entwicklung unseres Landes beschrieben. Zuwachs haben wir bei den Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Nach den Prognosen des Zentrums für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung wird der Anteil dieser Kinder und Jugendlichen bis 2015 um 39% ansteigen, während sich der Anteil der jungen Deutschen unter 18 Jahren um 9% verringern wird.
Was müssen wir tun?

  1. Wir brauchen qualifiziertes Personal, in der Leitung und in der Mitarbeiterschaft, das über Migrationshintergrund verfügt. Denn sie wissen, wie und wovon sie sprechen. Genauso wie wir in der Aus- und Fortbildung interkulturell geschultes deutsches Personal brauchen. Die Bewerbungen zum INI Preis haben deutlich gemacht, dass unsere Mitgliedsorganisationen dazu vieles versuchen. Wenn aber die erfolgreiche Projektstelle dann nicht verlängert oder in die Regelförderung gebracht werden kann, ist das doppelt bedauerlich.
  2. Wir brauchen Konzeptionen, in dem das Wissen um Interkulturalität Bestandteil ist. Wirksamkeitsdialoge, Sozialraumorientierung, gender mainstreaming und andere Anstrengungen taugen nur die Hälfte, wenn die Bemühungen nicht interkulturell hinterfragt werden. Die Fachwelt sagt dazu: Wir brauchen cultural mainstreaming als Prinzip!
  3. Wir brauchen engagierte Ehrenamtliche – in der Arbeit und in den Verbänden – die Migrationshintergrund haben. Ohne ehrenamtliches Engagement wäre die Kinder- und Jugendarbeit in NRW nicht das was sie ist. Das trifft auch auf das PJW zu: Hinter jeder Mitgliedsorganisation steht ein ehrenamtlicher Vorstand, natürlich auch hinter dem PJW auf Landesebene. Interkulturalität muss – nicht nur alibihaft – in deutsche e.V. Strukturen eingewebt werden: auch und gerade wenn da Welten aufeinander treffen können. Das Land NRW fördert, angesiedelt beim Paritätischen, eine Koordinationsstelle zur Migrantenselbstorganisation. Das ist eine ganz wichtige Stelle. Menschen mit Migrationshintergrund sind so einerseits als Personen und anderseits über ihre Organisationen in Verbänden repräsentiert und in den Strukturen eingebunden.
  4. Und nicht zuletzt brauchen wir alle Mut, Mut wie ihn unser 1. Preisträger, das Medienprojekt Wuppertal, immer wieder zeigt. Indem er Tabus bricht, Missstände aufzeigt und dies zusammen mit Jugendlichen vieler Nationalitäten aufarbeitet. In dem er z.B. medial spektakulär zeigt, was es heißt, wenn hier groß gewordene Jugendliche mit Ausbildung und Beruf Tag und Nacht Angst haben, abgeschoben zu werden. Und Mut ist es auch, wenn unser 3. Preisträger, Rom e.V. Köln, sich um die Integration einer Minderheit kümmert – nämlich Romakinder, die von vielen nur als ‚Klau Kinder’ gesehen werden.

Wir brauchen aber auch Mut, uns nicht in falsch verstandener Toleranz zu üben, die dann eher Gleichgültigkeit ist. Wir müssen uns auch den Herausforderungen stellen, die Konflikte verursachen: Zwangsverheiratung junger Mädchen, Gewaltbereitschaft und religiöse Fanatismen sind nicht mit einer demokratischen Grundordnung und der Gleichstellung von Frauen und Männern vereinbar. Wir müssen ethnische Vielfalt und demokratisches Zusammenleben möglich machen, das ist nicht immer einfach.
Ich wünsche uns allen den Mut, Konflikte auszutragen und den Eigensinn, das Potential und die Ressourcen zu nutzen, die wir als Einwanderungsland unser eigen nennen. Der Paritätische und sein Jugendwerk werden sich nachhaltig dafür und für die in diesem Aufgabenfeld tätigen Menschen einsetzen."

Ulrike Werthmanns-Reppekus
Geschäftsführerin des Paritätischen Jugendwerkes NRW

Dokumentation Initiativenpreis 2005 - © Paritätisches Jugendwerk NRW